Barrierefrei Einkaufen

Barrierefrei Einkaufen In diesen Städten herrscht besonders großer Nachholbedarf

Shopping hat hier und da seine Tücken. Entweder man findet einfach keine passende Hose, das auserwählte Kleid ist nicht mehr in der eigenen Größe vorrätig oder man muss viel zu lange an der Umkleide anstehen. Aber jetzt stell dir doch mal vor, dass du nicht einmal in den Laden herein kommst, weil eine Stufe am Eingang ist? Klingt erst einmal lächerlich, ist aber für Menschen im Rollstuhl, Familien mit Kinderwagen oder ältere Menschen mit Gehbeeinträchtigungen ein schwerwiegendes Problem. Denn ohne mobile Rampe kann diese Stufe zum unüberwindbaren Hindernis werden und so das Einkaufen in verschiedensten Geschäften unmöglich machen. Wie der lokale Einzelhandel auf Barrierefreiheit eingestellt ist, haben wir auf Bundesland- und Städteebene untersucht.

Städte und Bundesländer im Vergleich - Wo gibt es die meisten barrierefreien Läden?

Hier bei Marktjagd findest du viele Filialinformationen zu den Geschäften in deiner Nähe - einige davon werden von den Händlern auch mit dem Vermerk "barrierefrei" gekennzeichnet. Diese Infos haben wir uns genauer angeschaut und interessante Erkenntnisse im bundesdeutschen Vergleich gewonnen. Insgesamt ist der Anteil an barrierefreien Geschäften im Vergleich zu allen Filialen pro Bundesland bzw. Stadt auf einem eher niedrigen Niveau: Nur durchschnittlich 10 Prozent der Läden geben an, auf die Bedürfnisse von behinderten Menschen eingestellt zu sein. Es gibt also noch viel Aufholbedarf.

Anteil barrierefreier Geschäfte pro BundeslandQuelle: www.marktjagd.de/news/barrierefrei-einkaufenkleiner 8%zw. 8 - 10%zw. 10 - 12%größer 12%BayernSachsenBaden- WürttembergThüringenSachsen- AnhaltNordrhein- WestfalenHessenRheinland- PfalzBrandenburgBerlinSchleswig- HolsteinHamburgNiedersachsenBremenSaar- landMecklenburg- Vorpommern

Wie du in der Karte gut erkennen kannst, ist das barrierefreie Einkaufen am ehesten im Norden und Süden Deutschlands möglich. Im Ranking liegen Schleswig-Holstein, Bayern, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern vorn, während Hamburg, Sachsen und Berlin die letzten Plätze belegen.

BundesländerAnzahl behinderter MenschenAnteil Menschen 65+Anteil barrierefreier Geschäfte
Baden-Württemberg981.53820,1 %11,56 %
Bayern1.128.64620,1 %13,08 %
Berlin346.82619,3 %6,53 %
Brandenburg252.94623,5 %9,18 %
Bremen58.24221,4 %9,61 %
Hamburg130.15318,8 %7,78 %
Hessen608.62420,6 %9,85 %
Mecklenburg-Vorpommern173.23723,2 %12,16 %
Niedersachsen664.80221,7 %13,00 %
Nordrhein-Westfalen1.771.95920,9 %9,24 %
Rheinland-Pfalz310.29921,2 %10,05 %
Saarland101.28023,1 %9,54 %
Sachsen377.55025,3 %6,89 %
Sachsen-Anhalt180.16325,5 %10,92 %
Schleswig-Holstein262.62622,8 %13,14 %
Thüringen200.07424,5 %9,12 %

Auch die Übersicht der Städte wirft kein gutes Licht auf das Thema Barrierefreiheit im deutschen Einzelhandel. Nur Bielefeld, Lübeck, Magdeburg, Karlsruhe und Rostock befinden sich über dem bundesdeutschen Durchschnitt von 10,1 Prozent barrierefreie Geschäfte. Der Durchschnitt der 35 betrachteten Städte liegt sogar nur bei 8,22 Prozent. Dies lässt darauf schließen, dass Barrierefreiheit eher in den deutschen Kleinstädten Anwendung findet. Grund dafür könnte zum einen die erhöhte Anzahl an älteren Menschen in kleineren Städten und ländlicheren Regionen sein, die ja oft auch mit Mobilitätseinschränkungen zu kämpfen haben. Zum anderen sind die Möglichkeiten, neue Geschäfte in der Stadt zu bauen, oft begrenzt und leider werden bestehende Ladenräume zu selten nachgerüstet.

Anteil barrierefreier Geschäfte pro StadtQuelle: www.marktjagd.de/news/barrierefrei-einkaufenkleiner 8%zw. 8 - 10%zw. 10 - 12%größer 12%KielLübeckRostockSchwerinBremenHamburgBerlinPotsdamBraunschweigHannoverMagdeburgHalleLeipzigDresdenErfurtKasselGöttingenBielefeldEssenDortmundKölnDüsseld.FreiburgAugsburgMünchenIngolstadtStuttgartKarlsruheMannheimWürzburgNürnbergSaarbrückenMainzFrankfurtWiesbaden

Die letzten Plätze im Städteranking belegen:

Keine ausreichenden rechtlichen Vorgaben für den Handel

Im Bereich des öffentlichen Personennahverkehrs gibt es bereits eine gesetzliche Verpflichtung, dass dieser bis zum 01.01.2022 vollständig barrierefrei sein soll - für den Handel existiert eine solch explizite Regelung nicht. Die Formulierung im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) liest sich eher oberflächlich:

§2 (1) "Benachteiligungen [...] sind nach Maßgabe dieses Gesetzes unzulässig in Bezug auf: [...] den Zugang und die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen"

und die Vorschrift aus der Landesbauordnung (hier am Beispiel von Schleswig-Holstein) bezieht sich auch nur auf Neubauten:

§52 (2) "Bauliche Anlagen, die öffentlich zugänglich sind, müssen in den dem allgemeinen Besucher- und Benutzerverkehr dienenden Teilen barrierefrei sein. Dies gilt insbesondere für [...] Verkaufs-, Gast- und Beherbergungsstätten [...]. Für die der zweckentsprechenden Nutzung dienenden Räume und Anlagen genügt es, wenn sie in dem erforderlichen Umfang barrierefrei sind. Toilettenräume und notwendige Stellplätze für Besucherinnen oder Besucher und Benutzerinnen oder Benutzer müssen in der erforderlichen Anzahl barrierefrei sein."

Es obliegt also allein dem Einzelhandel, bestehende Läden gegebenenfalls umzubauen und für alle Kunden zugänglich zu machen.

Initiativen für barrierefreies Einkaufen

Eine Initiative, die mehr Klarheit bei den Einkaufsmöglichkeiten auch für behinderte Menschen bringen will, ist das Siegel "Generationenfreundliches Einkaufen" des Handelsverbandes Deutschland. "Das Siegel zeichnet Märkte aus, die den Einkauf für Menschen aller Altersgruppen und für Menschen mit Behinderung so angenehm und barrierearm wie möglich gestalten. Älteren Menschen soll genauso wie Rollstuhlfahrern oder jungen Eltern mit Kinderwagen ein komfortabler Aufenthalt ermöglicht werden", so Christhard Deutscher, der den Bereich Unternehmenskommunikation der Edeka Südwest leitet, die eine Vielzahl ihrer Märkte der Zertifizierung unterzieht. "Die Märkte müssen bestimmte Kriterien - wie beispielsweise breite und ebenerdige Eingänge, Sitzgelegenheiten, klare Ausschilderungen der Produktbereiche, rutschfesten Boden, angenehme Regalhöhen, Babywickelraum und Behindertentoiletten - erfüllen, die dann von einem Auditor der Handelsverbände geprüft werden." Mitte 2016 hatten sich so knapp über 10.000 Läden verschiedenster Unternehmen deutschlandweit zertifizieren lassen - zu wenig, wenn man dies mit allen Geschäften in Vergleich setzt.

Ein weiteres Projekt wurde von Raúl Krauthausen, Aktivist und Gründer des Vereins Sozialhelden, initiiert: "Barrierefreiheit ist ein großes Ziel und weckt bei vielen Ladeninhabern oft gleich die Sorge, in einen teuren Umbau investieren zu müssen. Dabei sind es manchmal aber auch schon kleinere Maßnahmen, die einen Unterschied machen: Gänge, die großzügiger angelegt sind und nicht zusätzlich mit Paletten von Sonderposten zugestellt werden, eine niedrigere Regalhöhe, freundliches Servicepersonal, das gleich zur Stelle ist – das sind Dinge, die letztlich allen Kundinnen und Kunden zu Gute kommen. Bei den typischen ein bis zwei Stufen, die eine entscheidende Eingangsbarriere für Menschen mit Rollstuhl sind, kann zum Beispiel eine mobile Rampe helfen, die nach Bedarf angelegt werden kann. Wir haben dafür mit der Wheelramp eine einfache und günstige Lösung entwickelt, die schon von vielen Shops genutzt wird. Auf www.wheelramp.de kann man die Rampe in zwei Größen bestellen. Es sind auch diese kleineren Schritte, die Menschen mit Behinderungen zeigen, dass man an sie denkt, auch wenn man noch nicht perfekt barrierefrei ist. Und man kommt auch dem großen Ziel näher und bleibt motiviert!"

Barrierefrei heißt nicht nur geeignet für Rollstuhlfahrer

Viele denken beim Begriff "Barrierefreiheit" vor allem an Rollstuhlfahrer und vielleicht noch an ältere Menschen mit Gehhilfen. Dass aber auch Sehbehinderte oder Gehörlose, kleinwüchsige Menschen oder Autisten gerne einkaufen und daran geknüpft besondere Bedürfnisse haben, wird häufig nicht beachtet. So möchte beispielsweise ein hörbeeinträchtigter Mensch in Gebärdensprache beraten werden, Kleinwüchsige brauchen Umkleidekabinen mit ebenerdigen Türen, damit auch sie die nötige Privatsphäre haben oder Autisten fühlen sich beispielsweise von lauten Geräuschen und starken Gerüchen beeinträchtigt.
Via Facebook haben wir daher eine Umfrage unter behinderten Menschen gestartet und uns erkundigt, mit welchen Problemen sie beim Einkaufen in stationären Geschäften zu kämpfen haben:

Das fängt ja schon da an, dass Supermärkte ständig umdekoriert und somit die Produkte immer wieder woanders hingestellt werden.
Ich denke das Hauptproblem ist, dass das Verkaufspersonal oft zu gestresst ist, um einem zu helfen.
Da sind wir in Chemnitz schon weit. Barrierefreies Einkaufen und ein Knopf im Eingangsbereich für eine Hilfe gibt es hier schon seit 7 Jahren.
Was mich auch stört ist, dass es nur so kleine Körbchen gibt. Wenn ich mit dem Rollstuhl unterwegs bin, kann ich nicht selber einen Wagen schieben und so ein kleiner Korb oder Karton reicht aber oft nicht aus.
In Klamottenläden wünschen wir uns mehr Platz zwischen den Kleidungsstücken und in den Anprobekabinen. Die sind für Rollstuhlfahrer viel zu klein. Da sollten die Haken auch in unmittelbarer Greifhöhe sein. Eine eventuelle Begleitperson sollte auch mit in die Kabine passen.

Dass auch behinderte Menschen nicht alle gleich sind, hat unsere Umfrage deutlich gezeigt. Manch einer wünscht sich sehnlichst eine Einkaufshilfe, die mit Zeit, Geduld und Verständnis zur Seite steht, andere würden ein Angebot bevorzugen, bei dem der Supermarkt beispielsweise nach Ladenschluss die Möglichkeit anbietet, dass sehbehinderte Menschen sich zur Orientierung einmal frei darin bewegen, alles einprägen und sich später besser allein zurechtfinden können. In einem Punkt stimmen jedoch alle überein: Es gibt noch viel Nachholbedarf beim Thema barrierefreier Handel.

Weitere Informationen zum Thema:

Sie sind Journalist oder Redakteur? Die Presseversion dieser Aktion, sowie Bildmaterial zum kostenlosen Download finden Sie hier: https://www.offerista.com/barrierefreiheit-im-einzelhandel/

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